Mittwoch, 23. März 2011

[Rezension] Hanns-Josef Ortheil - Die geheimen Stunden der Nacht ***

Genre: Zeitgenössisches; Seiten: 382; Preis: 9,00 Euro

Klappentext: An einem Montagmorgen erhält Georg von Heuken eine schlimme Nachricht: Sein Vater, der Verleger Richard von Heuken, ist mit einem zweiten Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert worden. Rasch stellt sich heraus, dass er seinen Geschäften im Verlag nicht mehr nachgehen kann – eine Chance für seinen Sohn, endlich die Leitung zu sämtlicher Verlage zu übernehmen, und damit aus dem Schatten seiner Geschwister herauszutreten…
Inhalt: Georg ist der typische 0815-Mann. Er geht jeden Tag zur Arbeit – sein Vater hat ihm die Leitung eines der Verlagshäuser übergeben. Er hat zwei Kinder, ein Au-Pair-Mädchen und eine Frau, die selbst beruflich erfolgreich und viel unterwegs ist. Er ist nicht unglücklich, aber er lebt so vor sich hin. Sein Vater steht derweil im Rampenlicht. Er ist der Big Boss.
An dem Tag, an dem dieser mit dem zweiten Herzinfarkt ins Krankenhaus gebracht wird, ist diese Rolle vorbei. Schnell ist klar: Richard von Heuken wird nicht mehr an die Spitze des Konzerns mit den Verlagshäusern zurückkehren. Jetzt ist die Zeit für die Kinder gekommen. Doch während sich die große Frage nach der Nachfolge stellt, versucht Georg von Heuken mehr über das Leben seines Vaters heraus zu finden. Täglich haben sie sich geschäftlich gesehen, privat haben sie sich schon lange voneinander entfernt. Stück für Stück setzen sich die Puzzleteile mit Hilfe des Autobiographen, eines Autors und der Haushältern des alten Mannes zusammen. Und am Ende hat doch keiner geahnt worauf alles hinausläuft…
Meine Meinung: Würde ich nicht Germanistik studieren, wäre ich von selbst wohl nie auf dieses Buch gestoßen und hätte es dann auch noch gekauft. Solche Bücher haben natürlich von Anfang an einen schweren Stand. Jetzt am Ende muss ich sagen:
Die Geschichte ist gut, spannend werden die verschiedenen Charaktere miteinander verwoben, nach und nach kommen Fakten ans Licht, nach und nach klärt sich die Angelegenheit und die ganze Zeit ist man nah an Georg von Heuken dran. Keine Sekunde lässt der Leser ihn aus den Augen und schein hautnah mit ihm mitzufühlen. Dieser Eindruck entsteht dadurch, dass das gesamte Werk durchgängig im Präsens (Gegenwart) geschrieben ist. Die Geschichte scheint sich wie ein Film vor dem Leser abzuspielen. Sobald ich mich daran gewöhnt hatte, war dies spannend und mitreißend. Die Gewöhnungsphase hat aber lange gedauert – beinahe zwei Drittel des Buches.
Die Charaktere sind allesamt fein ausgearbeitet. Jeder hat seine Ziele und seine Vorstellungen vom Leben, dabei gibt es kein gut und kein schlecht, sondern immer nur eine Mischung davon.
Die Wendung am Schluss kam nicht ganz unerwartet für mich, aber doch noch überraschend. Hier hätte ich mir gewünscht, dass diese Situation nicht in wenigen Seiten abgehandelt wird. Dadurch bleibt ein fahler Nachgeschmack.

Fazit: Am Ende vergebe ich gute 3 von 5 Punkten. Die Geschichte an sich wäre sicherlich 4 Punkte wert gewesen, aber es fiel mehr schwer mich einzulesen und das Ende hat zwar keinen Cliffhanger, aber nur einer der Handlungsstränge (die Übernahme des Konzerns) ist für den Leser befriedigend zu Ende geführt.

Zum Autor: Hanns-Josef Ortheil wurde am 5.11.1951 in Köln geboren. Er wuchs als fünftes Kind der Familie auf, wobei seine Geschwister verstarben – zwei Totgeburten und zwei Kinder, die sie im Krieg verlor, ließen seine Mutter verstummen. Dies wird ein Grund sein, aus dem Ortheil erst mit sieben sprechen lernte. Schon früh erhielt er Klavierunterricht, musste eine Karriere als Pianist aber aufgrund massiver Beschwerden der Sehnen aufgeben.
Nach einem Studium der Kunstgeschichte in Rom, führte in das Studium der Germanistik, Philosophie, Musikwissenschaften und Komparatistik an diverse Universitäten: Paris, Göttingen, Rom und Mainz. An letzterer promovierte er 1976 in den Literaturwissenschaften. Er begann an der gleichen Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Heute ist er an der Universität Hildesheim Professor Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus.
Seit 1979 veröffentlicht er eigene literarische Texte. Hierfür bekam er schon diverse Auszeichnungen, unter anderem Literaturpreis der Stadt Stuttgart, den Thomas-Mann-Preis und den Koblenzer Literaturpreis.

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