Freitag, 15. April 2011

[Rezension] Bernhard Schlink - Das Wochenende

Genre: zeitgenössische Literatur; Seiten: 225; Preis: 9,90; erschienen bei Diogenes

Klappentext: Nach 20-jähriger Haft hat ihn der Bundespräsident begnadigt. Zum ersten Wochenende in Freiheit lädt seine Schwester die alten Freunde ein. Für sie ist das Leben weitergegangen. Und für ihn? Was bleibt von der Zeit der Gewalt? Legenden? Bewältigung? Sprachlosigkeit?

Inhalt: Nach über 20-jähriger Haft wird der RAF-Terrorist Jörg entlassen. Diese Entscheidung des Bundespräsidenten kam überraschend, er hatte keinen Hafturlaub und keinen offenen Vollzug vorher. Um ihm den Start ins Leben zu erleichtern, lädt seine Schwester alte Freunde übers Wochenende ein.
So kommen Freunde zusammen, die sich seit 20 Jahren nicht gesehen haben und sie müssen sich fragen, wie sie mit Jörg, einem mehrfachen Mörder, umgehen sollen. Denn, obwohl sie damals auch den Traum der Befreiung geträumt hatten, sind sie inzwischen im Leben angekommen, haben ehrenwerte Berufe: Zahnarzt, Anwalt oder Bischöfin. Sie hoffen Jörg würde zur Ruhe kommen, doch einer ist dabei, der will, dass Jörg da weiter macht, wo er damals aufhören musste.
Wie wird Jörg sich entscheiden und endet das Wochenende unter Freunden in einer großen Katastrophe?

Cover:  Auf dem Bild, das das Cover ziert sehen wir einen Garten und ein älteres Herrenhaus. Wunderbar passt diese Abbildung zu dem Gebäude, in dem die alten Freunde das Wochenende verbringen und gerade bei den Landschaftsbeschreibungen habe ich merhmals ein Blick darauf geworfen, um noch tiefer in die Geschichte abzutauchen.

Meine Meinung: Die Geschichte beginnt freitags und der Leser begleitet Christiane, während sie ihren Bruder am Gefängnis abholt. Schon im ersten Kapitel werden einige Konflikte deutlich und das Interesse an Jörg, dem Protagonisten, wird geweckt.
Dann begann für mich erst einmal der verwirrende Teil der Geschichte. Auf dem Gehöft, auf dem die alten Freunde das Wochenende verbringen wollen, finden sich ungefähr zehn verschiedene Personen ein. Während dem ersten Drittel des Buches hatte ich immer wieder Schwierigkeiten die Namen zuzuordnen und mit dem Gesagtem oder dem Geschehenem einige Seiten vorher in Verbindung zu bringen. Beinahe hundert Seiten musste ich dann Hin und Her blättern, um die Bezüge zwischen den Charakteren zu verstehen.
Trotzdem gibt es von Anfang an eine Spannung. Man kann anfangs überhaupt nicht abschätzen, in welche Richtung Jörg sich entwickeln wird. Wird er wieder in alte Muster verfallen und zum Terrorist werden oder nimmt er ein bürgerliches, „normales“ Leben an, wie seine Schwester es sich wünscht. Verstärkt wird die Spannung noch, da es immer wieder innerhalb des Freundeskreises Konflikte gibt, die das Potenzial haben, in einer völligen Katastrophe zu enden.
Ilse, eine unscheinbare Freundin früher wie heute, erzählt uns gleichzeitig eine zweite Geschichte über Jan. Jan, ebenfalls Terrorist, ist gestorben oder hat es genauso aussehen lassen. Darüber schreibt Ilse eine Geschichte und führt den Leser so auf einem Umweg an das Leben heran, das auch Jörg vor über zwanzig Jahren geführt hat. Auch ihr innerer Zwist weckt Spannung.
Und unweigerlich stellt sich der Leser eben jene Fragen, die sich die Charaktere im Roman stellen. Das beginnt damit, wie man sich verhalten würde, wenn ein guter Freund erst des Mordes verurteilt und nun begnadigt wurde. Könnte ich diesem Menschen verzeihen und ihn wieder akzeptieren? Würde ich ihn über das Leben im Gefängnis ausfragen oder versuchen das Thema tot zu schweigen? Die handelnden Personen stellen aber nicht nur ihr Gegenüber in Frage, sondern an diesem Wochenende denkt jeder von ihnen auch über das eigene Leben nach. Habe ich mir meinen Lebenstraum erfüllt? Und wenn nicht, bin ich trotzdem glücklich?
Natürlich hinterlässt das im gesamten Werk eine melancholische Stimmung, die durch Eindrücke der Natur noch verstärkt werden. Mit schnörkelloser und präziser Sprache beschreibt Bernhard Schlink das erste Wochenende in Freiheit dieses Terroristen auf ergreifende Weise. Am Schluss bleibt das Ende offen, jeder der Freunde geht seinen Weg, doch es gibt für jeden von ihnen Grund zur Hoffnung. 

Fazit: Trotz anfänglicher Schwierigkeiten konnte ich mich nach und nach in jede der Personen hineinversetzen und die aufgeworfenen Fragen regen zum Nachdenken an, auch wenn man sich nicht mit der Zeit des RAF-Terrorismus auseinandersetzen will.
Ich vergebe somit 3,5 von 4 Sternen.

Über den Autor: Bernhard Schlink wurde 1944 in der Nähe von Bielefeld geboren.  Seine Kindheit verbrachte er in Heidelberg.  Dort und in Berlin studierte er Jura. 1975 promovierte er in Heidelberg, 1981 habilitierte er in Freiburg.  Er war Professor in Bonn und Berlin.
2005 vertrat er die deutsche Bundesregierung vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Klage gegen die Entscheidung des Bundespräsidenten den Bundestag aufzulösen und Neuwahlen anzusetzen.
Sein erster Kriminalroman erschien 1987 unter dem Namen Selbs Justiz. Es folgten weitere Werke in diesem Genre. Mit „Der Vorleser“ erschienen 1995, erlangte er Weltruhm, besonders für diesen Roman wurde er vielfach ausgezeichnet. Dieses Werk wurde zwischenzeitlich auch verfilmt.
Er lebt heute in Berlin und New York.

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