Mittwoch, 6. April 2011

[Rezension] Sven Regener - Herr Lehmann ****

Genre: zeitgenössische Literatur; Seiten: 298; Preis: 8,95

Kurzbeschreibung nach Amazon: 
Kreuzberger sind schon komische Vögel. Sie sitzen Abend für Abend am Tresen, trinken Kristallweizen ohne Zitrone und gehen erst ins Bett, wenn Mutti in Bremen schon wieder aufsteht. Und wenn draußen die Mauer fällt, bestellen sie erst mal in Ruhe noch ein Bier. Denn was ist schon das Ende der Geschichte (denkt sich der Leser am Ende dieser Geschichte) gegen die Frage, ob die Zeit schneller oder langsamer vergeht, wenn man betrunken ist?
Herr Lehmann ist Kreuzberger. Kreuzberger sind Menschen, die irgendwann einmal aus Schwaben, Achim oder Herford nach Berlin gekommen und dort "hängen geblieben" sind. Herr Lehmann kommt ursprünglich aus Bremen und möchte eigentlich Frank genannt werden, aber das ignorieren seine Freunde: denn bald ist Herrn Lehmanns dreißigster Geburtstag. Und 30 Jahre alt zu werden, weiß Herr Lehmann, ist Scheiße, weil man da langsam "beginnt, eine Vergangenheit zu haben, eine gute alte Zeit und den ganzen Scheiß." Und weil auf einmal alle anfangen zu fragen, was man denn bitte schön anfangen wolle mit dem eigenen Leben. Denn dass jemand zufrieden damit ist, Kellner zu sein, ist in dieser Stadt, in der alle "eigentlich Künstler" sind, nicht vorgesehen -- "aber was ist das für ein trauriger Umgang mit dem, was man tut, wenn man es immer nur als Zwischenlösung ansieht, als nichts Richtiges?"
Titel und Cover: Das Cover ist schlicht gehalten und doch passt der Kronkorken perfekt, denn getrunken – nicht nur Bier – wird in diesem Buch dauernd und ständig. ;-) Der Titel ist wohl nicht dafür geschaffen zu begeistern, aber tatsächlich folgt der Handlungsstrang durchgehend diesem „Herr Lehmann“, daher kann man hier nichts gegen einwenden.

Inhalt: Herr Lehman, der nur so genannt wird, weil ein Scherz ein Eigenleben entwickelt hat und viel lieber beim Vornamen Frank gerufen werden würde, ist Barkeeper und damit eigentlich glücklich. Er geht jetzt aber mit großen Schritten auf die 30 zu und spätestens jetzt verlangen alle zu wissen, was er mit seinem Leben denn noch so vor habe.
Nicht nur dies belastet Herrn Lehmann. Er hat sich überdies auch in die neue Köchin seines Chefs verliebt, die ihn zwar liebt, aber nicht in ihn verliebt ist. Herr Lehmann findet dies zwar etwas merkwürdig, aber Liebe macht ja bekanntlich blind.
Als dann noch seine Eltern einen Besuch ankündigen und das Restaurant, in dem Herr Lehmann Geschäftsführer ist, wie er seinen Eltern erzählt hat, besuchen wollen, muss er voll auf seine Freunde vertrauen, die ihn nun wie ihren Chef behandeln.
Zu allem Überfluss stimmt etwas mit seinem besten Freund Karl nicht. Dieser ist auch Barkeeper, aber eigentlich Künstler und viel fitter als Herr Lehmann. Nächtelang macht er durch, dann verändert er sich irgendwie. Wird aggressiv, wo es kaum einen Grund dafür gibt, wäscht sich nicht mehr. Keiner weiß was mit ihm los ist.
Als dann die Mauer fällt, bestellt sich Herr Lehmann erst einmal ein Bier. Es ist sein 30. Geburtstag und der Fall der Mauer kann ihn kaum erschüttern.
Eigene Meinung:
Ich muss sagen, dass Buch hat was. Es ist aber sehr schwer in Worte zu fassen. Natürlich ist es kein Krimi und daher findet man hier eine ganz andere Art von Spannung. Diese 300 Seiten scheinen einfach völlig aus dem Leben gegriffen.
Herr Lehmann ist einfach völliger Durchschnitt, vielleicht noch nicht einmal das. Und eigentlich ist er wirklich zufrieden mit seinem Leben. An einigen Punkten ist er etwas naiv und einfältig. Folgt man dann aber seinen Gedanken zieht er einen doch in seinen Bann.
Die Sprache ist auch eher der Mündlichkeit angepasst. Herr Lehmanns Gedanken sind einfach eins zu eins in den Text übernommen. So wie sich bei uns die Gedanken oft sprunghaft mal diesem, mal jenem Thema zuwenden oder zwei Themen in schnellen Wechsel immer wieder beleuchtet werden, so sind hier auch die Sätze gestrickt. Dies macht es dem Leser, der anderes gewohnt ist, am Anfang etwas schwer der Geschichte zu folgen, aber bald macht es viel Spaß.
Wenn die Sätze, die Herr Lehmans Gedanken und Gefühle darstellen, meistens lang sind, sind die Dialoge in kurzen knappen Sätzen gehalten. So wie die meisten Menschen, wenn sie in einer Kneipe sitzen, nicht wilde und großartige Satzkonstruktionen zustande bekommen.
Bei der wilden Spekulation, ob die Zeit, wenn man betrunken ist, langsamer oder schneller läuft, weiß man kaum noch ob man lachen oder weinen soll.
Die Geschichte hat viel Gefühl und auch Tiefgang hinter der witzigen Fassade. So regen die Diskussionen doch zum Nachdenken an und hinter allem erkennt man doch auch gewisse Gesellschaftskritik.
Fazit: Dieses Buch konnte mich viel mehr fesseln als erwartet. Durch die ersten paar Seiten muss man sich etwas durchkämpfen, aber spätestens ab Kapitel 2 kann dieses Buch begeistern.
Ich vergebe 4 von 5 Sternen.


Über den Autor: Sven Regener wurde 1961 in Bremen geboren. Er brach ein Studium der Musikwissenschaften ab, spielt aber diverse Instrumente (Gitarre, Trompete, Klavier). Nach einigen schon gesammelten Musikerfahrungen gründete er 1985 die Band Element of Crime. Seinen Debütroman „Herr Lehmann“ veröffentlichte er 2001. Dieser ist mit einer Gesamtauflage von 1 Millionen Exemplaren sehr erfolgreich. Zur Webseite des Autors.
Weitere Info: 2004 erschien von Regener „Neue Vahr Süd“. Dieser Roman beschreibt Frank Lehmanns Leben 1980 in Bremen und bei der Bundeswehr.  Der dritte und letzte Band „Der kleine Bruder“ beschäftigt sich dann mit den ersten zwei Tagen 1980, die Herr Lehmann in Berlin verbringt. Herr Lehmann und Neue Vahr Süd wurden beide verfilmt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich auf euren Kommentar!
Und verspreche: Ich werde sie alle beantworten :)