Sonntag, 30. Dezember 2012

[Rezension] Félix J. Palma - Die Landkarte der Zeit

Autor: Félix J. Palma
Titel: Die Landkarte der Zeit
Originaltitel: El mapa del tiempo
Reihe: 
1. Die Landkarte der Zeit
2. Die Landkarte des Himmels
Genre:
Belletristik
Seiten:
715
Verlag:
Kindler
Veröffentlichung: 17. September 2010
ISBN:
978-3463405773
Preis: 24,95 Euro (HC), 9,99 Euro (TB)

Kurzinhalt: Eine Reise durch Jahrhunderte. Eine Liebe ohne Grenzen. Eine Geschichte voller Phantasie.
London, 1896: Andrew, ein wohlhabender Fabrikanten­sohn, reist in die Vergangenheit, um seine große Liebe wieder­zugewinnen. Die junge Claire macht eine Zeitreise aus dem viktorianischen London ins Jahr 2000 und trifft den Mann, den sie in der Zukunft lieben lernte, in ihrer Zeit wieder. Inspektor Garrett jagt einen Mörder, der seine Opfer mit ­Waffen tötet, die noch gar nicht erfunden wurden. Alle Fäden laufen bei einem dämonischen Bibliothekar ­zusammen. Nur er kennt das Geheimnis der Landkarte der Zeit. Ein Fest der Phantasie, in dem der Leser Jack the Ripper ­begegnet und H.G. Wells, den Erfinder der Zeitmaschine, in einer völlig überraschenden Rolle kennenlernt. (Quelle)

Meine Meinung:

"Die Wissenschaft genießt heutzutage eine größere Glaubwürdigkeit als die Magie. Wir leben in modernen Zeiten. Aber die Magie existiert, glauben sie mir." (Seite 131)

 Nicht nur auf dem Klappentext, nein auch gleich zu Beginn des umfangreichen Romans verspricht der Erzähler dem Leser Zeitreisen. Zeitreiseromane sind derzeit auch ziemlich beliebt und so erwartet man hier natürlich eine phantastische Geschichte, die den Leser in die Zukunft und auch in die Vergangenheit entführt.
Das bekommt der Leser auch geboten, so in etwa zumindest. Der Autor spielt mit der Geschichte, spielt mit der Erwartung des Lesers, spielt mit dem Leser selbst und mit der Erzählung an sich. Denn der Erzähler, der ja nicht identisch mit dem Autor sein muss, wendet sich das eine oder andere Mal direkt an den Leser. Dadurch entsteht ein kurzes Vakuum in der Geschichte. Oft geschieht dies mit einem Augenzwinkern, wenn der Erzähler zum Beispiel darauf hinweist, dass er die interessante Lebensgeschichte des Kutschers nun doch nicht erzählen kann, weil das den Umfang sprengen würde, obwohl er gerade schon damit begonnen hat und auch bröckchenweise neugierig macht, ohne Genaueres zu verraten.
Natürlich ist diese Situation gewöhnungsbedürftig, denn es sprengt die Geschichte auf, wodurch auch leicht etwas die Spannung verloren geht. Man muss dies also als das nehmen, was es ist: Ein Kunstgriff des Autors, der damit spielt, dass er über die Handlung bestimmen kann.
Der Leser bekommt - ähnlich wie die Charaktere - selten das, was er erwartet. Hat man das einmal durchschaut, kann man viele Szenen mit einem Schmunzeln lesen und dadurch bekommt man auch den versprochenen Eindruck eines Fests der Phantasie.
Es ist notwendig die Geschichte aufmerksam zu lesen, denn sie ist detailreich aufgebaut und oft werden wichtige Kleinigkeiten fast in diesen Details versteckt und würden bei unkonzentriertem Lesen doch verloren gehen und dann leidet sicher auch der Lesespaß.
Dieser Roman ist dreigeteilt und das Verbindungsglied zwischen den Geschichten ist ein einzelner Mann, kaum ein anderer Charakter überschreitet die Grenze zwischen den Teilen. Tatsächlich steigert sich der Spaß an der Geschichte mit jedem Teil und die Auflösung lässt den Leser vor Staunen den Kopf schütteln.
Der Leser wird immer wieder denken, er sei schlauer als die Charaktere und würde den Erzähler durchschauen, aber er wird doch mindestens genauso oft hinters Licht geführt. Dies ist im Ganzen sicher Geschmackssache. Félix J. Palma hat mit diesem Roman sicher keine leichte Unterhaltungslektüre geschrieben. Jede Seite fordert vollste Konzentration. Doch wenn man sich darauf einlassen kann und möchte und wenn man ausreichend Zeit und Ruhe mitbringt kann man hiermit viel Spaß haben.
"Erlauben Sie mir, die Erzählung jetzt zu unterbrechen und Sie darauf hinzuweisen, dass das, was nun geschah, sehr schwierig zu berichten ist, weil die Zahl der Empfindungen , denen sich Andrew ausgesetzt sah, allzu hoch erscheint, wenn wir bedenken, wie wenige Sekunden die folgende Szene dauerte. (...) In unserem Fall dehnte sich die Zeit in Andrews Geist dergestalt, dass sie aus einer knappen Handvoll Sekunden eine ganze Ewigkeit machte." (Seite 85)

Fazit: Eine wirklich phantastische Geschichte, die eine verzwickte Handlung und einen außergewöhnlichen Schreibstil mit sich bringt. Beides zusammen fordert einiges an Konzentration und die detailreiche Fülle kann für den Leser schnell zu viel werden. Wer aber mit alldem umgehen kann, findet hier eine Lesevergnügen mit einer großen Portion Spaß und Humor.

Gesamtnote: 2-3
Charaktere: 2
Handlung: 1-2
Lesespaß: 2
Zusatz: Der Schreibstil ist sehr außergewöhnlich und kann hier sicher schnell auch negative Reaktionen hervorrufen, daher leichter Notenabzug

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Über den Autor: Félix J. Palma wurde 1968 in Sanlúcar de Barrameda geboren und lebt heute in Madrid. Er absolvierte eine Ausbildung als Werbefachmann in Sevilla, bekam jedoch für seine ersten Erzählungen und Romane bereits so viele Stipendien und Preise, dass er den Beruf nie ausübte.
„Die Landkarte der Zeit“ war ein Bestseller in Spanien und wird in zwanzig Sprachen übersetzt.
Palma erhielt dafür den Premio Ateneo de Sevilla 2008. (Quelle)

Weitere Bücher des Autors:  

 

Kommentare:

  1. Ist "Die Lankarte des Himmels" die Fortsetzung? Oder kann man das unabhängig voneinander lesen?
    LG Jan

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    1. Hey,

      also H.G. Wells ist auch in Landkarte des Himmels vertreten, aber nach den ersten 150 Seiten von "Landkarte des Himmels" sehe ich das so, dass man sie ohne Probleme unabhängig voneinander lesen kann.

      Grüße
      Asaviel

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  2. Schöne Rezi und ich muss Dir zustimmen, das Buch kann man nicht einfach so nebenbei mal lesen. Mir hat es wahnsinnig gut gefallen und der 2. Band liegt schon auf meiner WL. Bin neugierig, wie er Dir gefällt und wünsche Dir beim Lesen viel Spaß.
    LG Isabel

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  3. Das Buch hört sich sehr vielversprechend an und es befindet sich auch schon in meinem Besitz. Ich habe mich bisher noch nicht richtig dran getraut. Ist ein ziemlicher Wälzer und liest sich offensichtlich nicht nebenbei =)

    LG
    Anja von druckbuchstaben.blogspot.de

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  4. Grüß Dich, Asaviel.
    Klingt nach komplexer Lesearbeit. Das Aufbrechen von Strukturen in der Geschichte, wie der Erwartungshaltung des Lesers, ist ein wenig Gratwanderung. Schließlich riskiert der Autor auch das Interesse am weiteren Roman aufzubrechen. Scheint hier Palma aber überzeugend geglückt zu sein.
    Schlußendlich birgt die Handlung aber auch einiges.

    bonté

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  5. Hallo Asaviel,

    warum nur die 2-3 in der Gesamtnote? Die Einzelnoten sind so viel besser, und die Rezi klang doch gut?
    Für mich klang es ein wenig nach Walter Moers - mal schauen, ob ich mir den Schinken zulege

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    1. Hallo

      Walter Moers ist schon nochmal anders, weil es viel mehr fantastische Geschöpfe gibt bei ihm und sein Schreibstil ist nicht so anstregend.

      Naja, 2-3 ist ja nicht schlecht. Es sind Schulnoten. Also Gut - Befriedigend, was ich nicht als schlecht empfinde.
      Die Einzelnoten ergäben eine 2, aber wie ich im Zusatz schreibe, gibt es leichten Notenabzug aufgrund des Schreibstils.

      Viele Grüße

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