Freitag, 23. August 2013

[Rezension] Helen Schulman - Die Zerbrechlichkeit des Glücks

Autor: Helen Schulman
Titel:
Die Zerbrechlichkeit des Glücks
Originaltitel:
This Beautiful Life
Genre:
Belletristik
Seiten:
256
Verlag:
Goldmann (Bei Facebook)
Veröffentlichung: 15. Juli 2013
ISBN:
978-3442477203
Preis: 8,99 Euro

Klappentext: Es ist die unbedachte Tat eines Teenagers, doch die Konsequenzen sind dramatisch: Als der fünfzehnjährige Jake Bergamot die E-Mail einer Mitschülerin erhält, die sich bei erotischen Handlungen gefilmt hat, leitet er das Mail schockiert und verwirrt an einen Freund weiter. Von dort aus verbreitet sich das Video in Windeseile im Netz. Von den einen als unschuldiges Opfer betrachtet, von anderen als gewissenloser Übeltäter beschimpft, steht Jakes Leben über Nacht kopf. Und auch das junge Mädchen leidet unter den Konsequenzen seiner Tat. Unterdessen läuft die Affäre immer weiter aus dem Ruder, obwohl alle nur das Richtige tun wollen: Eltern, Schule, Anwälte und Psychologen. Noch Jahre später werden die Folgen dieser Ereignisse das Leben der Beteiligten prägen … (Quelle)

Meine Meinung:

"Das verdammte Video war einfach überall. Es verstopfte Jakes Mailbox, irgendwelche Leute schickten es ihm, ohne zu wissen, dass es ja für ihn gedacht gewesen war, dass er Muse und Inspiration dafür war und es selber verbreitet hatte. Es war einfach überall." (Seite 89)

Diese Geschichte hat ein Problem: Man bekommt etwas anderes als der Klappentext verspricht. Wenn man ehrlich ist, muss man gestehen: Man bekommt sogar deutlich mehr, als man erwartet. Aber es ist eventuell nicht das, was man gesucht hat und deswegen, wenn man es liest, vielleicht nicht das richtige. Wie kommt das nun?
Wer den Klappentext liest, erwartet einen kurzen Roman über Teenager und über Cybermobbing. Das Video, das im gesamten Buch nie detailliert beschrieben wird, scheint im Mittelpunkt zu stehen. Tatsächlich kommt beides in diesem Roman vor: Teenager und natürlich auch das Video. Doch dieses Video bringt lediglich ein Fass zum Überlaufen und im eigentlichen Mittelpunkt steht eine komplette Familie. Es geht um Jake, der das Video erhält, seine Eltern und seine Adoptivschwester. Es geht um ihre Wünsche, ihre Vergangenheit, ihr Zukunft und ihre Zukunftsplanung. Es geht also damit um so viel mehr, als nur um dieses Video. Aber die Verbreitung der E-Mail, die Verbreitung des erotischen Inhalts löst eine Lawine von unabsehbaren Folgen aus.

"Die schwindelerregende Folge eines einzelnen Tastendrucks seines Sohnes, das stupende, unabänderliche Ausmaß seiner entfesselten Kraft - irgendwie war es unfassbar, was Jake angestellt hatte." (Seite 121)
 Alles könnte so perfekt sein: Der Vater ist ein "hohes Tier" und verdient gut, hat Einfluss,. Die Familie besteht aus einem leiblichen Sohn und einer asiatischen adoptierten Tochter, sie haben ein Haus, ein geregeltes Einkommen. Der Sohn bringt gute Note aus der Schule. Das Mädchen im Kindergarten ist liebreizend, aber hinter der ach so schönen Fassade brodelt es trotzdem: Jakes Mutter hat für die Familie, die Kinder ihre Karriere aufgegeben und findet sich kaum zurecht in ihrem Leben als Hausfrau und Mutter. Der Vater arbeitet viel und hart, hat deswegen kaum Zeit für die Familie. Jake selbst befindet sich in der typischen Identitätsfindungsphase. 
"Der erste Schritt in einen noch formlosen, unstrukturierten Tag war immer der schwerste."(Seite 20)
Und nachdem nun der erste Dominostein in Stolpern gebracht wurde, kippen sie alle um und plötzlich muss man sich fragen: War es je das wahre Glück, das diese Familie gefunden hat? Der Originaltitel "This Beautiful Life" ("Dieses schöne Leben") passt perfekt. Denn es ist das Leben, von dem viele von uns träumen und das von Außen so perfekt aussieht. Aus diesem Grund regt das Buch zum Nachdenken an, über das eigene Leben, über die eigenen Wünsche, über die eigene Zukunft. 
Verpackt ist dies in eine Geschichte, die bei jedem Zuhause oder beim Nachbarn nebenan genauso passieren kann. Man weiß, dass Jake nie so etwas beabsichtigt hat, obwohl es ihm später von allen Seiten vorgeworfen wird. Man weiß, dass alle nur ihr Bestes versuchen, aber das macht es noch schlimmer. Und dann wird es teilweise sehr drastisch. Menschen gehen auch manchmal krasse Wege, wenn sie keinen anderen Ausweg sehen.
Die Sprache, die durch lange Sätze und manchmal etwas bemühter gehobener Klasse, nicht immer ganz einfach ist, erschwert etwas den Einstieg, aber man kann sich an sie gewöhnen, sodass der geübte Leser vermutlich etwas länger für die 250 Seiten braucht, aber nach einer Weile auch nicht mehr über die Sätze stolpert. 

 "Es ist bloß... dieses schöne Leben ... ich komm damit nicht klar", flüsterte sie. (Seite 238) 
Fazit: Wenn man schon vor dem Lesen akzeptiert, dass es um mehr geht als nur die Cybbermobbing-Geschichte, wenn man akzeptiert, dass man einen Blick bekommt auf die tiefen Abgründe, die sich hinter der Fassade des schönen Scheins einer perfekten Familie verbergen, dann erhält man hiermit ein Buch, das das wahre Leben zeigt und mit drastischen Mitteln zum Nachdenken anregt.
Gesamtnote: 2
Charaktere: 1-2
Handlung: 2
Über die Autorin:
Helen Schulman arbeitet als Dozentin für Literatur und kreatives Schreiben und hat bereits drei Romane sowie eine Sammlung von Kurzgeschichten veröffentlicht. Darüber hinaus schreibt sie für bekannte Magazine wie Vanity Fair, Time und Vogue. Die New York Times Book Review wertete ihr einfühlsames Familienporträt "Die Zerbrechlichkeit des Glücks" als eines der 100 bemerkenswertesten Bücher des Jahres 2011. Mit ihrem Mann und den beiden Kindern lebt Helen Schulman in New York. (Quelle)

Kommentare:

  1. Das Buch hol ich mir bei Skoobe...bin gespannt, wie es bei mir ankommt.

    LG Kasia

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  2. Hallo, Asaviel.
    Eine morsche Fassade hält eben nur solange sie Innen festgehalten wird. Und eine Familie ist zudem ein komplexes Beziehungsgeflecht, das sich nicht in einem status quo einfrieren läßt. Die Familie des Romans scheint einiges unbewältigt köcheln laßen. Der Sohn sich selbst in der Entwicklung überlaßen, Mom in der Sinnkrise, die durch die Adoption der Tochter nicht verkleistert wurde und Dad, dem "Familie" zu einer Art genormter Sozialsiegel geworden ist. Was Wunder, daß hier eine Implosion die Folge ist.

    Interessant erscheint mir die Frage, ob die Mitschülerin Jake das Video absichtlich, oder aus Versehen geschickt hat. Und ob Jake dies erkennt. Schlußendlich hat er aber exakt das Falscheste überhaupt getan, indem er es weiterleitet.
    Das gesellschaftliche Umfeld wird danach wie eine Bergschlag abgegangen sein.

    Lesenswerter Stoff.

    bonté

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    1. Hallo,

      die Mitschülerin hat das Video absichtlicht geschickt. Aber es war nur für Jake bestimmt. Dieser ist damit ziemlich überfordert und schickt es an seinen besten Freund, um zu hören, was der dazu sagt und so nimmt das Ganze dann seinen Lauf.

      Grüße

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