Dienstag, 30. Juni 2015

[Rezension] Robert Seethaler - Der Trafikant

Autor: Robert Seethaler
Titel:
Der Trafikant
Genre:
Belletristik
Seiten:
249
Verlag:
Kein&Aber Verlag
Veröffentlichung: 1. November 2013 (TB-Ausgabe)
ISBN:
978-3036959092
Preis: 9,90 Euro
Oder beim Buchhändler vor Ort!

Klappentext:
Österreich 1937: Der 17-jährige Franz Huchel verlässt sein Heimatdorf, um in Wien als Lehrling in einer Trafik - einem kleinen Tabak- und Zeitungsgeschäft - sein Glück zu suchen. Dort begegnet er eines Tages dem Stammkunden Sigmund Freud und ist sofort fasziniert von ihm. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Männern. Als sich Franz kurz darauf Hals über Kopf in die Varietétänzerin Anezka verliebt, sucht er bei dem alten Professor Rat. Dabei stellt sich jedoch schnell heraus, dass dem weltbekannten Psychoanalytiker das weibliche Geschlecht ein mindestens ebenso großes Rätsel ist wie Franz. Ohnmächtig fühlen sich beide auch angesichts der sich dramatisch zuspitzenden politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse. Und schon bald werden Franz, Freud und Anezka jäh vom Strudel der Ereignisse mitgerissen. (Quelle)

Meine Meinung:

"Das ist nicht der Kanal, der stinkt", sagte sie. "Das sind die Zeiten. Faulige Zeiten sind das nämlich. Faulig, verdorben und verkommen!" (Seite 21)

Die Zeit, in der dieser Roman spielt, ist die Zeit des Nationalsozialismuses. Kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges, Jahr 1937/1938. Mit dem jungen Franz Huchel gelangt der Leser nach Wien und erkundet wie er die Stadt. Zunächst scheint diese nur ungewohnt groß, aber es zeigt sich immer mehr, dass Großes im Gang ist. 
Jedem, der jetzt schon den Kopf schüttelt und nichts von Romanen aus der Nazizeit wissen will, kann ich die Befürchtungen nehmen. Nein, es geht nicht im Kern um Judenverfolgung und ähnlichem. Ja, die Ereignisse verändern Wien, insbesondere die Angliederung Österreichs und die zunehmende Verehrung Hitlers. 
Aber durchgehend steht Franz Huchel im Mittelpunkt und der hat in seinem normalen Leben einfach ganz andere Probleme. Probleme, die uns viel näher sind. Er muss sich in Wien zurecht finden und er muss feststellen, dass er irgendwann plötzlich erwachsen geworden ist - ohne dass ihm das jemand gesagt hätte.
Denn plötzlich erwecken Frauen sein Interesse. Nur leider war die Sache mit den Frauen niemals einfach.

"Mit Frauen ist es wie mit Zigarren: Wenn man zu fest an ihnen zieht, verweigern sie einem den Genuss." (Seite 45)

Zum Glück lernt Franz zufällig den in die Jahre gekommenen Siegmund Freud kennen. Die Freundschaft, die sich - zunächst ganz gegen den Willen Freuds - entwickelt, ist überaus bemerkenswert. Jung und alt sinnieren über das Leben und vor allem über die Liebe und Frauen und ein wenig über das Leben. Obwohl man erst den Eindruck hat, dass Franz nicht mithalten kann, durchschaut er den alten Doktor doch immer mehr.
Und ist dann zutiefst betroffen, als dieser mitsamt seiner Familie Wien verlässt. Er ist Jude und rettet sich nach London.

"Könnte es vielleicht sein, dass Ihre Couchmethode nichts anderes macht, als die Leute von ihren ausgelatschten, aber gemütlichen Wegen abzudrängeln, um sie auf einen völlig unbekannten Steinacker zu schicken, wo sie sich mühselig ihren Weg suchen müssen, von dem sie nicht die geringste Ahnung haben, wie er aussieht, wie weit er geht und ob er überhaupt zu irgendeinem Ziel führt?" (Seite 141)

So ergibt sich ein Roman mit tiefgreifenden Themen in einer komplexen Situation, der seinen Humor und eine gewisse Leichtigkeit nicht verliert. Die Handlung lässt sich überraschend leicht verfolgen und da die Sprache keineswegs hochgestochen ist, identifiziert man sich zunehmend mehr mit Franz Huchel und seinem Leben. 

Fazit: Ich mag Romane, in denen Figuren als Normalsterbliche auftreten, die wir nur aus Büchern oder den Medien oder gar aus wissenschaftlichen Abhandlungen kennen - so wie Sigmund Freud. 
Trotz einer Fülle an Themen, die an Schwierigkeit manchmal nicht zu übertreffen sind, erzählt Robert Seethaler die Geschichte mit einer Leichtigkeit, die verblüfft. 
Interessiert an Wien? Oder Siegmund Freud oder dem Entdecken der ersten großen Liebe? Oder einfach an einer richtig guten Geschichte? Dann auf jeden Fall: Lesen!


Für dieses Werk hat der Autor den "Debütpreis des Buddenbrookhauses" erhalten:

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